Alltag für Obdachlose: Verbale Ohrfeigen

Ist die Obdachlosigkeit eine bewusste Entscheidung? Wie landen Menschen auf Deutschlands Straßen? Dies fragten wir unsere Redakteure Christopher Haacker und Felix Gottschalk. Heraus kamen Meinungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Festgehalten haben wir die hitzige Diskussion im Unbeachtet Magazin. Die Gegenmeinung zu Felix Gottschalks Kommentar könnt ihr hier nachlesen

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Such dir nen Job, aber schnorr mich nicht an, du Penner!

Ein Kommentar von Felix Gottschalk

Obdachlose haben es schwer. Für viele Menschen zählen sie nicht zur Gesellschaft.
Sie sind mehr eine Randerscheinung, ein Rauschen im Wahrnehmungsfeld des Ottonormalverbrauchers. Entweder man ignoriert sie komplett, oder man gibt dem ein oder anderen etwas Geld und hat den Empfänger der Spende im nächsten Augenblick auch schon wieder vergessen.

Doch hinter jedem Einzelnen von ihnen steckt eine Geschichte. Ein Leben, welches oftmals durch tragische Schicksalsschläge geprägt ist. Eins ist klar: Die wenigsten werden als Obdachlose geboren. Doch dafür zeigen leider nur wenige Menschen Verständnis. Immerhin leben wir in einem Sozialstaat, da muss doch niemand auf der Straße leben. Verbale Ohrfeigen wie: “ Such dir einen Job, aber schnorr mich nicht an, du Penner!!“ gehören wohl zum Alltag eines jeden Obdachlosen – und sind harmlos im Vergleich zu den Schmähungen und Attacken, die sie fast täglich über sich ergehen lassen müssen. Obdachlose werden geschlagen, vertrieben und sogar im Schlaf angepinkelt. Solch ein Verhalten geht gegen jegliche Menschenwürde und ist nicht tolerierbar!

Viele Obdachlose haben schon vorher Probleme

Menschen, die die Meinung vertreten, Obdachlose seien per se selbst für ihr Schicksal verantwortlich und müssten nur zum nächsten Amt oder anderen Hilfsorganisationen gehen, um Hilfe zu bekommen, machen es sich zu einfach und verschließen ihre Augen vor der Realität. Fast kein Mensch übergibt sein Leben freiwillig der Willkür des Daseins auf der Straße. Im Gegenteil: Viele Obdachlose hatten schon vor dem Verlust ihrer Bleibe Probleme, mit denen sie nicht fertig geworden sind. Ob es nun die Trennung vom Partner, übermäßige Schulden, Missbrauchserfahrungen oder eine Drogensucht waren -Gründe für Obdachlosigkeit spiegeln sich manchmal schon weit vor dem eigentlichen Verlust der Wohnung in der Biographie von Obdachlosen wieder.

Viele Obdachlose können sich also nicht selbst helfen, da sie nicht nur physisch, sondern auch psychisch in einer ausweglosen Situation gefangen zu sein scheinen. Oft flüchten betroffene Personen sogar noch tiefer in Abhängigkeiten – Alkoholismus und Depressionen gehören auf der Straße zum traurigen Alltag.

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Obdachlosigkeit bedeutet Kontrollverlust – oft auch schon vorher. Foto: Juliana Woitascheck

 

Man kann nicht allen helfen – der Mangel an Kapazitäten

Die Mehrzahl der Obdachlosen benötigt professionelle Unterstützung, um wieder auf beiden Beinen stehen zu können. Doch dafür fehlt es leider an finanziellen Mitteln, Personal  und staatlicher Unterstützung.

Das heiß nicht, dass Obdachlose sich selbst überlassen werden. Im Vergleich zu anderen Städten bietet Berlin eine sehr gute Infrastruktur für Obdachlose. Es gibt staatliche, wie auch private Hilfsprojekte, die besonders im Winter aktiv werden und wohnungslosen Menschen Hilfe zuteilkommen lassen.
Ein großes Problem stellen allerdings die Kapazitäten dar: Allein in der Hauptstadt Berlin gibt es, laut Statistik, ca. 4.000 obdachlose Menschen. Darauf kommen aber nur ca. 500 Bettenplätze in Notübernachtungen. Um möglichst wenige Anwärter zurück in die kalte Nacht zurückzuschicken, wird rigoros überbevölkert – So teilen sich hier auch mal 40 Menschen ein Zimmer mit nur 20 Betten. In solch beengenden Verhältnissen verliert man schnell den Überblick und es kommt nicht selten zu Übergriffen. Aus diesem Grund gibt es viele Obdachlose – gerade auch Frauen – die die Straße der Notunterkunft vorziehen.

Ein Kampf auf physischer und psychischer Ebene

Fakt ist, dass Menschen, die auf der Straße leben, jeden Tag aufs Neue um ihr Wohlergehen kämpfen müssen – sei es ein psychischer Kampf gegen Sucht und Depressionen oder ein physisches Gefecht gegen Hunger, Kälte und Angriffe.

Sie brauchen Hilfe von außen um diesen Kampf für sich entscheiden zu können.

Deshalb zum Schluss der Appell an alle: Seht Obdachlose nicht als Makel der Gesellschaft, als faule, arbeitsscheue Menschen, sondern seht sie als das, was sie sind.
Ein wertvoller Mensch wie alle anderen, der Beachtung und Achtung verdient.

1 Response

  1. Christiene Sieges sagt:

    Alles hat seine Zeit..

    Ein freundlicher Blick,
    Eine Geste,
    Sich auf Augenhöhe begegnen,
    Ein Ohr,
    Ein Satz,
    Ein Gespräch,
    Wertschätzung,
    Empathie ,

    Alles Dinge welche mir Gut tun…….

    Ist für jeden von uns Balsam……

    unterbricht meinen Alltagsblues….

    Mit einem inneren Lächeln !

    Danke

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