Bert – Harte Kritik am Staat

Bert (49)* lebt seit zwölf Jahren auf der Straße. Am liebsten ist er gemeinsam mit seinem Freund Ernie* unterwegs. Bert, ein gebürtiger Berliner, hatte Frau, Kinder und sein eigenes Unternehmen . Heute ist, wie er selbst sagt, alles weg – eine Teilschuld trifft seiner Meinung nach den Staat.

Wie bist du auf der Straße gelandet?

Ich hatte früher alles: Eine Familie, ein Haus mit Katze, ein eigenes Unternehmen. Nach 26 Jahren Ehe kam die Scheidung, dann ging es Schlag auf Schlag. Es hat mir regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich beziehe zwar seitdem Hartz4 – aber nachdem die Sozialhilfe drei Mal zu spät auf meinem Konto eintrudelte und ich die Miete nicht rechtzeitig zahlen konnte, setzte der Vermieter mich vor die Tür. Als junger Mensch habe ich der Marine gedient – aber jetzt, wo ich wirklich in der Bredouille stecke, hilft der Staat auch nicht mehr. Ich erhalte nicht mal mehr eine Wahleinladung!

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Ernie und Bert (v.l.n.r.) sind am liebsten gemeinsam unterwegs. Die neuen Namen haben sie sich übrigens selber ausgesucht.

Was stört dich am Leben auf der Straße am meisten?

Mich stört nicht das Leben an sich, sondern das System, das dahintersteckt. Es nennt sich zwar sozial, aber die wirklich wichtigen Entscheidungen trifft das Geld.
Im weissen Kreuz (Tagesstätte für Obdachlose, Anm. der Red.) durften wir uns waschen, wärmen und beisammen setzen. Jetzt haben sie einen neuen Träger – und uns die Öffnungszeiten gekürzt: Statt von 8 bis 17 Uhr dürfen wir uns dort nur noch bis 14 Uhr aufhalten.

Aber auch sonst habe ich das Gefühl, die Menschen interessieren sich eher für DSDS, als für die Geschichten hinter uns Obdachlosen. Wir leben am Rande der Gesellschaft. Dabei sollten die Leute begreifen, dass die meisten von uns sich ihr Schicksal nicht herausgesucht haben – man landet schneller auf der Straße, als man denkt.

Wo schläfst du?

Ernie und ich schlafen meist draußen. Notunterkünfte würden wir auch in Anspruch nehmen, aber da muss man sich immer sehr früh anstellen, um einen Platz zu ergattern. Denn auch hier hat der Staat die Fördergelder gekürzt: Es gibt nur begrenzt Schlafplätze, und allgemein gibt es immer weniger Notunterkünfte für uns Obdachlosen. Wir wünschen uns Container – wie die, die sie den Flüchtlingen zur Verfügung stellen.

Wie finanzierst du dich?

Ich beziehe noch immer Hartz4 – seit zwei Tagen warte ich nun schon auf das Geld für diesen Monat. Früher habe ich mich mit einem Einkaufswagen vor den Clubs an der Warschauer Straße postiert, um mich mit Pfandflaschen über Wasser zu halten. Das mache ich heute nicht mehr.

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Was war dein schlimmstes Erlebnis auf der Straße?

Im März übernachteten ein obdachloser Kumpel und ich an der Skaterbahn an der Warschauer Straße. Wir drehten uns noch eine Zigarette, dann schlief jeder auf seiner Parkbank – er drei Bänke weiter. Irgendwann wurde ich wach, überall Blaulicht und Sirenen, Krankenwagen um mich herum. Da hatte ein Unbekannter meinem Kumpel mit dem Cutter die Kehle durchgeschnitten.

Hast du Pläne für die Zukunft?

Ich möchte den Winter überleben und die Zeit bis zu meinem fünfzigsten Geburtstag möglichst gesund überbrücken. Außerdem würde ich gerne von der Straße wegkommen – in einem betreuten Wohnheim, wo ich auch mein Alkoholproblem in den Griff kriegen kann.

Außerdem findet bald wieder das Weihnachtsfest des Yaam statt, dort wollen wir auf jeden Fall hin! Da kann man richtig feiern, und die jungen Menschen vom Yaam machen mehr für uns, als der Staat und alle Sozialarbeiter in Berlin zusammen.

*Namen geändert

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