Kommentar: „In Deutschland muss niemand obdachlos sein“

Ist die Obdachlosigkeit eine bewusste Entscheidung? Wie landen Menschen auf Deutschlands Straßen? Dies fragten wir unsere Redakteure Christopher Haacker und Felix Gottschalk. Heraus kamen Meinungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Festgehalten haben wir die hitzige Diskussion im Unbeachtet Magazin. Die Gegenmeinung zu Christopher Haackers Kommentar könnt ihr hier nachlesen. 

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Müssen Menschen hierzulande auf der Straße leben? Foto: Pixabay

Ein Kommentar von Christopher Haacker

Jeden Sonntagmorgen ist es dasselbe: Ich sitze um 5 Uhr, fertig von der Arbeit, in der U-Bahn und will nach Hause fahren. Um genau eine Station weiter die nicht vorhandenen Gesangsküste desselben Obdachlosen wahrzunehmen. Beim ersten Mal war ich noch ganz angetan von der kratzigen Stimme und dem improvisierten, weil die Fahrgäste einbeziehenden, Gesang – oder vielmehr: Sprechgesang. Doch schon seine zweite Darbietung zeigte, dass sein vermeintlicher Einfallsreichtum nur eine Farce war. Mit jedem Sonntag nervte seine kratzige Stimme mehr, doch die Spesen, die er sammelte, blieben unverändert hoch.
Kein Wunder, sitzen in ebendieser Bahn jedes Mal etliche Betrunkene mit lockeren Geldbörsen.

Niemand muss betteln

Der Rapper, nach eigener Aussage obdachlos, würde gerne mit dem Sprechgesang Geld verdienen. Also mehr als bisher im Zug, sagt er. In meinen Augen muss er nicht betteln – und schon gar nicht um 5 Uhr in meinem Zug.

Wenn er um diese Zeit betteln kann, kann er schließlich auch arbeiten gehen. Aber betteln muss keiner. Jeder kann Geld beim Amt beantragen und bekommt eventuell sogar eine Wohnung gestellt und möbliert. Um Zahlungen zu erhalten, sind weder eine eigene Wohnung, noch ein eigenes Konto nötig. Dass eine eigene Wohnung Voraussetzung ist, um Leistungen beantragen zu können, ist eine häufig gehörte Aussage der obdachlosen Menschen, die ich auf der Straße befragte. Solange jemand einen Ausweis hat, kann er Leistungen beantragen. Die Zahlung kann zum Beispiel als Scheck erfolgen. Dieser wird an eine Adresse geschickt, alternativ kann dafür die Anschrift einer karitativen Einrichtung angegeben werden. Vor allem Personen, die als mittellos gelten, haben dieszüglich einen besonderen Status.
Problematisch dabei wird es nur, wenn kein gültiger Ausweis vorhanden ist.

 

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Ist Obdachlosigkeit eine bewusste Entscheidung? Foto: Pixabay

Mit einem guten Gefühl nichts spenden

Wer nicht betteln möchte, muss das theoretisch also nicht tun. Personen, die sich schwer mit den Anträgen und der allgemeinen Organisation tun, können sich beispielsweise durch Sozialarbeiter helfen lassen. Damit die Zahlungen auch dauerhaft eingehen, müssen nur Termine beim Arbeitsamt eingehalten und deren Forderungen umgesetzt werden.
Es bleiben somit ohne die Obdachlosen vier Personengruppen, die betteln: Berufsbettler, Personen, die nicht arbeiten wollen und deshalb keine Leistungen vom Staat empfangen, Personen,wie Reinhardt, die sich freiwillig dafür entscheiden, obdachlos auf der Straße zu leben und Personen, die ihr Einkommen aufbessern wollen. Schließlich kommen durchs Betteln bis zu 40 Euro täglich zusammen, wie Gollum erzählt. Mit diesem Wissen bleibt doch das gute Gefühl, auch wenn nichts gespendet wird.

4 Responses

  1. Christiene Sieges sagt:

    So einfach ist es nicht. Oft sind da emotionale Hürden, welche wir ja auch kennen, potenziert vorhanden. Sich Hilfe zu suchen, also sich Aufzuraffen und seinen Dremenz zu durchbrechen sind dann extrem schwer. Aus solchen depressiven Kontexten auszusteigen ist auch für Ubahn-Fahrer welche sich an einem Obdachlosen vorbei schleichen Ehr schwer. Da hilft nur eine Gewissensberuhigung nach oben genannter Art“die sollen doch Arbeiten etc…..“ Die Problematik ist komplexer und tiefschichtiger als wir es mit unserer heile Welt Wahrnehmung sehen.
    “ sollen doch in die Kirchen gehen, die sind doch für die Nächstenliebe zuständig.
    Die Gegenmeinung greift und ergreift mehr. Eins zu Null für Herrn Gottschalk.

    Die Seite selbst ist überfällig gewesen um Betroffenheit und Empatie herzustellen.

  2. Anonym sagt:

    Um das zu verhindern gehören Räumungsklagen abgeschafft so wie die Zwangsräumung von Wohnraum.

  3. xadyn sagt:

    „Wenn er um diese Zeit betteln kann, kann er schließlich auch arbeiten gehen. Aber betteln muss keiner.“

    Das stimmt nicht. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es erstmal gar nicht die eigene Entscheidung, lohnarbeiten zu können. Denn was ist wichtig zu beachten? Damit die eigene Arbeitskraft gekauft wird, muss es auch jemanden geben, der sie für die Profitmaximierung benötigt – also ein_e Kapitalist_in, die bereit ist Geld für Arbeitsstunden zu bezahlen. Wenn man mit den eigenen Skills & Fertigkeiten aber nicht „eingekauft“ (gemeint ist hier immer die Arbeitskraft) wird, dann ist man selbst bei großem Willen und Anstrengung arbeitslos.

    Es ist eine falsche Vorstellung zu behaupten, Armut sei immer selbstgewählt.

    • Dennis sagt:

      Wenn ich es richtig verstanden habe geht es nicht direkt um Armut, sondern um Obdachlosigkeit. Beides ist zwar vermutlich eng miteinander verknüpft, aber dennoch zwei verschiedene Dinge.
      Das Größte Problem ist vermutlich die Aufklärung. Ich für meinen Teil, tue mich schwer, überhaupt Informationen zu finden, ob jemand tatsächlich obdachlos sein muss oder nicht.
      Ich gehe arbeiten, zahle Steuern an den Sozialstaat und gehe somit auch davon aus, dass gewisse Geldsummen sozial genutzt werden.
      Also warum leben trotzdem Menschen auf der Straße?

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