Notunterkunft und Gemeinschaftsstätte: Das Nachtcafé

Zwanzig Obdachlose stehen bei Frost vor den Türen der Philipp-Melanchton Kirche in Berlin Neukölln. Bereits zwei Stunden vor Einlass treffen sie dort ein und warten auf eine Notunterkunft. Hier dürfen bis zu 60 Gäste für eine Nacht ihr Obdachlosenschlafzimmer aufschlagen. Es besteht aus Isomatte und Schlafsack. Alkohol ist im Nachtcafé tabu – genau wie Gewalt. Auch die Nacht vor dem 3. Advent verbringen die Obdachlosen hier, von 21 Uhr bis 8 Uhr. Friedlich und mit Wohlgefühl wird gemeinsam die Suppe gelöffelt. Die Philipp-Melanchthon-Kirche ist eines von 14 Nachtcafés, das über die Woche verteilt eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz offerieren. Das Gespräch mit einigen Obdachlosen bringt so manches Schicksal hervor. Aber es wird noch viel mehr gelacht, denn Trübsinn ist hier fehl am Platz.

Törtchen und Heiterkeit im Nachtcafé

Ein wackerer Mann im besten Alter stellt sich vor: Anselm. Er ist einer der Aufgewecktesten hier. Seine kindischen Albereien lenken alle ein wenig ab. Er weiß, wie sich der tägliche Irrsinn vertreiben lässt. Spät in der Nacht wird aber auch er ein wenig ernster. Es seien die bösen Gedanken, die einen mürbe machen, nicht der Überlebenskampf auf der Straße. Daher ist seine Medizin der Frohsinn.

Die gute Laune verteilt sich merklich, als das Essen serviert wird. Einer der vielen Betreuer des Abends heißt Tristan. Er ist tätowiert und von sportlicher Figur. Er hilft bei den Vorbereitungen zu dem Nachtcafé an diesem Samstag Abend.

Anselms Rolli

Kaltes Buffett

Das kalte Buffett wird von Tristan (links) und Co. hergerichtet – Foto: Malte Schulze

Die Tabletts sind reich gefüllt mit Salami- und Käsescheiben, ein Anblick wie aus dem Bilderbuch. Dazu gibt es heißen Tee und Kaffee, Orangensaft und Wasser. Für alle ist sogar ein Teller Suppe da. Und als Nachtisch sind selbst gebackene Törtchen in einem Korb. Liebevoll einzeln verpackt in Zellophan mit Schleifchen.

Der Abend war ein voller Erfolg, denn Gemeinschaftssinn und Menschenliebe zeigen hier, wie es überall funktionieren sollte. Die Notunterkünfte, Suppenküchen und Nachtcafés sind dieser Tage heiß begehrt und werden gut angenommen. Es ist zumeist Kirchensteuern zu verdanken, dass dieses Angebot möglich ist.

Schlafsack auf Isomatte

Der Schlafplatz eines Obdachlosen auf dem Kirchenboden – Foto: Malte Schulze

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