Schweigsam: Über die Arbeit mit Obdachlosen

Für das Online-Magazin unbeachtet.org schreibe ich über drei Wochen verteilt mehrere Portraits Obdachloser. Das ist der Plan, der sich mir aber als fast unmöglich erweist. Niemand ist bereit, sich mir zu öffnen. Ganze zwei Tage dauert meine Arbeit mit den Notdürftigen, zusammen mehr als acht Stunden, bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Es ist November in Berlin. Noch liegt kein Schnee und es ist vergleichsweise mild. Doch meine Nasenspitze, die Fingerkuppen und Ohren sind schnell zu schmerzenden Wetterindikatoren geworden. Aber ich beschwere mich nicht. Mein Gewissen meldet mir, dass es die Obdachlosen auf den Straßen auch aushalten. Also ziehe ich durch die Straßen, über die Plätze und durch die Bahnen, auf der Suche nach einem gesprächigen Obdachlosen.

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Die Kälte zehrt an den Kräften der Obdachlosen – und denen der Unbeachtet Journalisten. Foto: Pixabay

Arbeit auf der Straße: So viele Obdachlose und doch niemand, der sich mir stellen will.

U-Bhf Weberwiese, 12:23 Uhr – 1. Advent 

Jemand taucht seinen Arm tief in die Müllbehälter. Eine Pfandflasche wird herausgezogen und in die große Plastiktüte gesteckt. Ich versuche einen Gesprächsanfang: „Kann ich dir einen Kaffee spendieren?“

Wundersame Blicke streifen mich fast verächtlich. „Nein danke, ich habe noch“, zeigt mir der Mann, etwa Mitte 30, und zieht weiter. Dann erkläre ich meine Absicht, einen Artikel zur Unterstützung Obdachloser zu schreiben. Kopfschüttelnd zieht er, mir einen schönen Tag wünschend, davon.

S-Bhf Storkower Straße, ca. 13 Uhr 

Ein Einkaufskorb steht auf der Bank des Wartehäuschens. „Geklaut bei Kaisers“ ziert den umfunktionierten Gabenkorb für den aktuellen strassenfeger. Der Titel „KUSCHELIG“ vermittelt zusammen mit dem süßen Titelbild einer Katze Wärme und Geborgenheit. Ich kann diese Ironie kaum fassen und spreche den jungen Mann daneben an. Er ist gerade auf Verkaufstour und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Für zwei Stationen begleite ich ihn in der S-Bahn. Doch für ein längeres Gespräch reicht es nicht. Die Arbeit ruft, er muss seinen Tagessatz erfüllen, um sich neuen Tabak kaufen zu können – eines der wenigen Luxusgüter für ihn.

Alexanderplatz, Commerzbank, ca. 13:30 Uhr 

Die Filialen-Türe öffnet sich automatisch mit einem freundlichen „Guten Tag“. Der Mechanismus ist ein Mann südländischer Abstammung. Er spricht kein Deutsch. In gebrochenem Englisch gibt er mir zu verstehen, dass sein Arm schmerze. Er steht bei der Kälte draußen und öffnet jedem die Tür. Doch kaum jemand schenkt ihm Beachtung. Nicht einmal Cents fallen in seinen zerdrückten Pappbecher.
Nur unweit der Szene liegt einer im Schlafsack direkt am Bahnhof-Eingang. Wild diskutierend stehen fünf Männer und eine Frau in zerlumpten Klamotten um ihn herum. Diebstahl während des Schlafes.

Genervt und zerfressen durch die harte Realität verschiebe ich mein Tagesziel auf später. Das Erlebte muss ich erst einmal verarbeiten. Viel später am Abend sollte ich zu meinem Portrait-Gespräch kommen. Nikolai, im U-Bahnhof Potsdamer Platz.

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